Erstsemestersurvival

Von Sandra Grossmann am 10-11-2015
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Von den umschließenden Schwingen der Schule losgelöst, fernab vom behüteten Familienumfeld in seine erste Vorlesung stolpern. Nicht nur im metaphorischen Sinne, man stolpert wirklich.

Die ersten Tage an der Uni stellen eine Stresssituation dar und provozieren bereits den einen oder anderen Fauxpas. Aber keine Sorge, auf dem Weg zum Hörsaal hinzufallen, ruiniert deinen durchdachten ersten Auftritt als Student nicht wesentlich, denn tausend anderen Erstsemestrigen geht es genauso – die fixieren sich vielmehr auf ihr eigenes Auftreten als auf deines. Und diejenigen, welche im Studium schon weiter fortgeschritten sind, kommen einem ohnehin nicht unter, weil für sie Vorlesungen ohne Anwesenheitspflicht vergleichbar mit Lesehausaufgaben in der Schule sind – da, um nicht gemacht zu werden. Aber das merkt man als Neuling erst wesentlich später. 

Ferner du nicht zu den Menschen gehörst, deren engsten Freunde exakt dasselbe wie du studieren wollen und das noch dazu auf der selben Uni, solltest du dich darauf einstellen, anfangs viel allein am Campus herumzustreifen und daran ist auch gar nichts peinlich, du bist nicht „forever alone“, versprochen! Sieh die Trennung von dir und deinen Freunden als Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen. Setz dich in der Vorlesung (falls du sie nach dem zweiten Mal weiterhin besuchst) neben jemanden, der offensichtlich auch ohne Anhängsel gekommen ist, in dem offensichtlich noch genauso viel Motivation steckt wie in dir und beginne ein Gespräch. Wenn Sympathie vorhanden ist, verabredet euch für den Abend oder geht gemeinsam Mittag essen. Das klappt wirklich – die andere Person ist im Normalfall genauso darüber erfreut, nicht mehr allein gesehen werden zu müssen wie du.

Als wäre der Übergang von Schule zu Universität nicht hart genug und die ersten Eindrücke an der neuen Lehrinstitution mehr als überwältigend, kommt meistens eine komplett neue Stadt hinzu, in welche sich dein Lebensmittelpunkt verlagert.
Vom 5000-Einwohner-Kaff in die große Stadt. Nach einem Monat etwa stößt man auf die Möglichkeit, eine einzelne U-Bahnstation auch zu Fuß zurücklegen zu können und die abendlichen U-Bahn Intervalle nicht einfach hinnehmen zu müssen. Irgendwann verliert man auch den Drang, wildfremde Leute auf der Straße zu grüßen, weil das in deinem Dorf nun einmal so üblich war und weil selbst wenn du die Person nicht kanntest, dir die Mama über zehn Ecken sofort eine Beschwerde überbrachte, weshalb du dem Vetter des besten Freundes deines Onkels väterlicherseits nicht Hallo gesagt hast.

Projekt Erwachsenwerden ist also im vollen Gange. Du wohnst nicht mehr bei den Eltern und führst einen eigenen Haushalt. Studentenleben mag wohl die Zeit sein, von der Menschen (nicht grundlos) behaupten, es würde die Zeit deines Lebens werden, dennoch beinhaltet es ungemütliche Dinge wie einen Berg an schmutzigem Geschirr, von dem du hoffst, dass er entweder von selbst verschwindet oder dein Mitbewohner endlich einmal Hand anlegt, doch seien wir ehrlich miteinander, Ersteres ist um einiges wahrscheinlicher.

Die Küche offenbart eine ganze Duftpalette und du merkst, dass selbst die vor ein paar Tagen noch so vergnüglich konsumierte, nicht ganz ausgetrunkene Flasche Bier einen penetranten Geruch entwickeln kann und es nicht reicht, den Müll in verschiedene Behälter zu werfen, sondern du ihn anschließend tatsächlich auch regelmäßig entsorgen musst. Es gibt dreimal die Woche Spaghetti mit Convenience Sauce und Flecken auf dem Hemd. Wie man eine Waschmaschine bedient, bleibt ein kleines Mysterium und du sehnst dich nach den Zeiten, in denen dir deine Mutter hinterhergelaufen ist, um deine Schmutzwäsche in Empfang zu nehmen und du bloß genervt die Augen gerollt hast, gefolgt von einem schroffen „jaja, ich hau’s eh gleich in die Wäsche“.
Allgemein lernst du nun endlich, die Aufräumbestrebungen deiner Mutter zu schätzen, weil so langsam „schaut’ s echt grauslich aus“ bei dir.
Ein ernst zu nehmendes Dilemma: der Toilettenpapiermangel – ein Klassiker!
Solch scheinbar nebensächliche Dinge nicht im Wocheneinkauf mit einzuplanen, kann schnell zum Verhängnis werden, nur so als Tipp am Rande.

Zur Beruhigung: Prinzipiell vollzieht sich die Einfindung in diesen neuen Lebensabschnitt wie von selbst, da all diese kleinen Hindernisse durch die erfreulichen Perspektiven des Studentendaseins ausgeglichen werden können. Und falls dir der Komfort des Elternhauses einmal fehlen sollte, gibt es noch immer die Möglichkeit eines Wochenendausflugs dorthin.

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